Abwarten und Tee trinken

abwarten kostbar-zeitAbwarten und Tee trinken

… daran denkt man gerade in stürmischen Zeiten am Allerwenigsten. Gerade wenn es hoch her geht, möchte man agil und aktiv sein, sich bewegen, etwas bewegen, etwas ändern.

Manchmal ist das aber gar nicht möglich und dann ist es tatsächlich das Schlaueste, abzuwarten und eine Tasse Tee zu trinken.

 

In einem meiner Lieblingsbücher* wird dazu folgende Geschichte erzählt: Im zweiten Weltkrieg diente ein junger Mann in der Britischen Armee, die sich gerade im Urwald Birmas (Myanmar) herumschlug. Eines grauenvollen Tages….

….war ihr kleiner Wachtrupp vollends von einer Übermacht japanischer Krieger umzingelt. Es gab keinen Ausweg mehr, keinen Weg der Flucht. Alle waren sich sicher, dass ihr sicheres Ende bevorstand. Der Kommandant der Truppe befahl aber in diesem Augenblick seinen Männern nicht, gegen die Übermacht zu kämpfen, tapfer den „Heldentod“ zu sterben und bestenfalls noch einige japanische Krieger mit in den Tod zu reißen, sondern sagte ihnen, sie sollen ruhig bleiben und sich eine Tasse Tee zubereiten.

Zitternd gehorchten die jungen Soldaten und tranken ängstlich ihren Tee. Nach einer kurzen Weile kehrte der Kundschafter zur Truppe zurück und flüsterte, die feindliche Übermacht habe sich bewegt. Eine Lücke war entstanden, die die jungen Soldaten nun zur Flucht nutzen konnten.

Durch diese Tasse Tee wurde allen das Leben gerettet.

Ähnlich wie im Urwald Birmas ist es oft auch in meinem Leben: Manche Situation erscheint ausweglos, man ist von übermächtigen Feinden wie Rechnungen, Krankheiten, Notlagen und großen Tragödien umgeben. In Situationen, in denen man tatsächlich nichts tun kann, ist es das Beste, abzuwarten und eine Tasse Tee zu trinken.

Alles ändert sich ständig. Man schont seine Kräfte und wartet auf einen besseren Augenblick, der zweifelsohne immer kommen wird, weil das Leben eben so ist. Was heute reich ist, ist morgen arm, was heute schlecht läuft, läuft morgen gut.

Glück kostbar-zeitWir können nicht voraussehen, was als nächstes geschieht. Schon einige Male war ich in einer ausweglosen Lage. Aber seltsamerweise hat sich in den Momenten, als ich das Klammern an die ängstlichen „was-wäre-wenn-Gedanken“ aufgab und mich entspannte, eine vollkommen unerwartete Möglichkeit ergeben. Etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Ein Auftrag aus dem Nichts. Eine zündende Idee. Und dann schüttele ich den Kopf und denke „It’s magic!“

 

Zur Ruhe kommen, Kräfte schonen, eine Tasse Tee trinken. So geht’s:

  • Lasse Dein Smartphone los. Bye bye, wir sehen uns gleich wieder. Schalte es auf lautlos. Nein, auch keinen Vibrationsalarm 🙂
  • Gehe zum Schrank. Nimm Dir einen Teebeutel oder losen Tee heraus.
  • Gehe zum Wasserkocher. Prüfe, ob genug Wasser darin ist. Schalte den Wasserkocher an.
  • JETZT KOMMT DAS WICHTIGSTE: Bleibe bei Deinem Wasserkocher stehen. Gehe nicht weg. Lasse Dich nicht ablenken. Betrachte den Wasserkocher und versuche, Deine Achtsamkeit nur auf diesen Moment zu richten. Füße fest auf dem Boden. Hand an der Arbeitsplatte. Stehenbleiben.
  • Tausend Gedanken wirbeln durch Deinen Kopf. Natürlich tun sie das. Dein Geist besteht aus Gedanken. Dein Geist ist wie ein Ozean und die Gedanken sind die Wellen. Sie kommen aus dem Ozean und gehen wieder in den Ozean zurück. Das haben sie schon immer getan. Lass sie. Sieh ihnen beim Schwatzen zu, wie ein alter weiser Mann seinen Enkelkindern beim Spielen zusieht. Verfolge die Gedanken nicht. Gucke lieber auf den Wasserkocher. Es sind erst 30 Sekunden vergangen 😉
  • Früher haben Kessel das Teewasser erhitzt. Gut und gerne mindestens 10 Minuten. Also entspanne Dich, die heutigen Wasserkocher sind schnell.
  • Du stehst immer noch an der Arbeitsplatte. Dein Atem ist ruhig. Lächle ruhig, weil Du Dir albern vorkommst. Du praktizierst gerade Achtsamkeit. Das ist zum Lachen. Aber Lachen ist ja bekanntlich gesund.
  • ENDLICH KOCHT DAS WASSER. Gieß es in die Tasse. Bleibe während der Ziehzeit neben der Tasse stehen. Nun setz‘ Dich mit der Tasse Tee hin. Die Teeküche ist hässlich? Macht nichts. Das Büro ist laut? Macht nichts. Du hast nichts zu tun, als fünf Minuten lang Deine Tasse Tee zu trinken. Wenn Dich keiner beobachtet, schließe für einen Moment die Augen. Einmal tief ein- und ausatmen. Nein, Dir wird nicht gekündigt. Nein, die Leute halten Dich nicht für einen seltsamen Vogel. Du übst Achtsamkeit. Das entspannt Dich, Du wirst gelassener, weniger häufig krank, kostest dem Unternehmen weniger Geld, bist motivierter und akquirierst mehr Aufträge. Dein Chef wird Dich für Deine tägliche Tasse Tee befördern. Hallo? Bring die Gedanken wieder ins hier und jetzt, Du sitzt gerade bei Deiner Tasse Tee und bist nicht bei Deinem Chef im Büro!
  • Jetzt hast Du Deinen Tee ausgetrunken. Du stellst die Tasse ordentlich in die Spülmaschine, damit sich Deine Kollegen nicht aufregen. Du fühlst Dich erfrischt. Du gehst zurück an Deinen Platz.

Bevor Du jetzt gierig Dein Handy sofort wieder  anschaltest, halte noch einen Augenblick inne: Nimm ein kleines bisschen von der Pause mit, lass die Ruhe nicht sofort wieder verpuffen, auch wenn der Schreibtisch brennt und Du von vielen feindlichen Arbeitsaufträgen umgeben bist.

Büro Entspannung kostbar-zeit

 

In der Ruhe liegt die Kraft. Abwarten und Tee trinken. Und dann mit neuer Energie weitermachen.

 

 

 

 

 

*Das Lieblingsbuch heißt: Die Kuh, die weinte. Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück. Ajahn Brahm. Lotos Verlag.

Isabel Foto Malte KlauckWenn Autorin Isabel Lenuck  nicht gerade Tee trinkt und abwartet, schreibt sie Abenteuergeschichten und arbeitet unter anderem am Völkerkundemuseum in Hamburg.

http://isabel-lenuck.de/blog/

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