Gerade jetzt!

Terror Gerade jetzt!

Gerade jetzt, da wir durch die täglichen Anschlags- und Terrornachrichten in Gefahr geraten, wie aufgeschreckte Hühner kopflos vor Angst und Misstrauen durch unser Leben zu rennen ist es wichtig, gut auf den eigenen Geist acht zu geben. Die aufwühlenden Geschehnisse, die niemanden unberührt lassen, sind eine traurige doch wertvolle Gelegenheit, sich (vielleicht zum ersten Mal) wirklich ernsthaft mit seinem eigenen Geist zu beschäftigen.

Der „Geist“, von dem ich hier spreche, ist sehr vereinfacht gesprochen, die Summe aller Emotionen, unser Bewusstsein, unsere Charaktereigenschaften, unsere Persönlichkeit kurz: das, was wir als „ich“ bezeichnen.

Gerade jetzt, wo unser aller Sicherheit so sehr von dem stabilen Geist(eszustand) anderer abhängt, ist es notwendig, auch mal bei sich selber nachzuschauen, wie es um die eigene Geistesstabilität bestellt ist.

Was ich damit sagen möchte ist Folgendes: Die Emotionen, mit denen Attentäter und Normalos zu tun haben, sind in ihrer Basis dieselben.  Absurd? Erschreckend? Ja.

Nizza Wut, Hass, Verblendung, Enttäuschung und Gier haben diese Menschen dazu gebracht, über die hohe Hemmschwelle des Nicht-Tötens zu gehen. In ihrer wahllosen Wüterei haben sie so viel Zerstörung als möglich angerichtet und so viele andere Menschen mit sich ins Verderben gerissen. Aus Hass und Verblendung haben sie unfassbares Leid angerichtet und eine verstörende Spur hinter sich gelassen.

Wahrscheinlich hat sich die mörderische Energie von Hass, die sich so explosionsartig entlud, über eine lange Zeit in deren Geist angesammelt.

Aber: Die ihr zugrundeliegenden Emotionen sind keine anderen als diejenigen, mit denen auch wir täglich zu kämpfen haben. Wenn wir uns aufmerksam beobachten, stellen wir erschreckende Parallelen fest. Täglich durchlaufen wir (in unserem meist belanglosen Alltag) hunderte, wenn nicht tausende Gefühlsregungen – und nicht alle sind angenehm oder gar ruhmreich.

Wenn man ehrlich zu sich selbst ist: Wut, Hass, Gier, Hemmungslosigkeit kennen wir alle aus unserem eigenen Leben. Und natürlich unterschieden wir uns deutlich von den respektlosen Mördern, die die Achtung vor dem menschlichen Leben verloren haben und hemmungslos mordend Angst und Schrecken verbreiten. Natürlich schlagen wir nicht mit Äxten und Messern um uns, zerbomben Flughäfen, fahren mit LKWs Spaziergänger tot oder und schießen in Touristengruppen und Schulklassen. Das ist wahr.

Ist das wahr?

  • Schmieden Sie nicht auch manchmal innerlich wüste Rachepläne gegen jemanden, der Sie verletzt hat?
  • Geraten Sie nicht auch in Wut, ja sogar Raserei wenn Sie mitansehen müssen, wie jemand – in Ihren Augen- ungerecht behandelt wird?
  • Ereifern Sie sich nicht auch verbal und sogar körperlich, weil Sie sich im Recht fühlen?
  • Denken Sie nicht auch viel zu oft abfällig über andere Menschen? Halten sich selbst für etwas Besseres?
  • Scannen Sie nicht andere Menschen innerhalb von Sekundenbruchteilen und unterteilen Sie sie in gut/schlecht, hübsch/hässlich, mag ich/mag ich nicht. Obwohl Sie rein gar nichts über diese andere Person wissen?

Die Basis dieser Emotionen, dieser Einteilungen ist immer Ihr eigener Geist. Dem Sie blind in seiner Entscheidungsfähigkeit vertrauen. Den Sie – genauso wie ich – wahrscheinlich viel zu selten selbst einmal kritisch analysieren. „Wie kommst Du gerade zu dieser Entscheidung? Warum äußerst Du Dich abfällig über diese Person? Wieso gerätst Du jetzt in Wut, es ist doch gar nichts passiert?“

Verantwortung übernehmen kostbar-ZeitSie glauben mir nicht, dass Sie zu solchen hässlichen Gedanken fähig sind? Testen Sie sich selbst:

  • Schaffen Sie es, selbst unter idealsten Bedingungen geduldig und freundlich zu bleiben, oder werden Sie nicht auch manchmal aus dem nichts wütend, unfreundlich und rechthaberisch? Z.B. wenn Sie mit Ihren Kindern im Wohnzimmer sitzen und spielen?
  • Wenn Sie beim Autofahren andere in Angst und Schrecken versetzen oder bei Nichtigkeiten pöbeln, hupen und den Stinkefinger zeigen?
  • Oder wenn Sie mit Freunden bei einem wunderbaren Essen plötzlich beginnen zu streiten und diese Sache nicht mehr bereinigen können?
  • Oder wenn Sie Ihrem Kollegen etwas bei dessen Einarbeitung erklären sollen und auf einmal patzig werden?
  • Wenn Ihnen jemand den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, was denken Sie da?
  • Wenn jemand anderer Sie grundlos beleidigt, bleiben Sie da gelassen?
  • Wenn Ihnen Dinge gestohlen werden, oder ihnen wichtige Sachen verlorengehen oder zerbrechen.

Schaffen Sie es, in diesen alltäglichen Situation Ihre Geistesruhe zu bewahren? Ich nicht. Meistens verliere ich schon bei Banalitäten die Geduld, reagiere ungeduldig, gereizt und genervt.

Wie soll es dann erst unter erschwerten Bedingungen funktionieren? Wenn es einem wirklich schlecht geht und/oder man unter echt beschissenen Bedingungen lebt?

Um es hier ein für alle Mal klarzustellen: Ich entschuldige nichts. Ich entlasse niemanden aus seiner Verantwortung für sein Tun. Aber ich bin sehr vorsichtig im Urteilen über andere, wenn ich meinen eigenen instabilen Geisteszustand betrachte. Wenn ich sehe, wie schwer es mir fällt, kontinuierlich freundlich, höflich, geduldig, hilfsbereit und ehrlich zu bleiben.

Was ich damit sagen möchte ist Folgendes: Die Emotionen, mit denen Attentäter und Normalos zu tun haben, sind in ihrer Basis dieselben. „Es ist dieselbe Wut, die Dich im nächsten Leben kleine Kinder töten lässt“ hat mir einmal ein Freund gesagt, als ich mich über meine häufigen Wutanfälle über Belanglosigkeiten beklagte. Absurd? Erschreckend?

Ja! Kleine Kinder zu töten kommt uns unfassbar fern vor, aber es ist im Grunde dieselbe Wut und derselbe Hass, den auch wir zeitweilig ins uns spüren- nur millionenfach verstärkt, rasend, unkontrollierbar und dadurch in seiner Konsequenz unendlich grausamer als die alltäglichen Wutanfälle, zu denen wir uns nur allzu leicht hinreißen lassen.

Nochmal: Häufig leben wir in idealen Bedingungen und selbst da haben wir unsere Emotionen nicht unter Kontrolle. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Wenn wir nicht so werden wollen wir die, dann müssen wir sehr genau auf unser Verhalten, Denken und Fühlen achtgeben. Die gute Nachricht: Dazu gibt es Methoden! Es ist also nichts verloren 🙂

Die Samen, die wir (täglich, stündlich, minütlich, sekündlich) säen, müssen wir mit großer Sorgfalt ausstreuen. Wie ein Gärtner, der am Ende des Sommers eine gute Ernte einfahren will, müssen auch wir sorgfältig darauf bedacht sein, welchen Samen wir einpflanzen. Schon der gute alte Jesus sagte, dass an einem Dornenbusch keine Rosen heranwachsen werden. Damit ist gemeint, dass aus (negativen) Samen niemals (positive) Früchte wachsen können.

Aus genau diesem Grund sind wir alle aufgerufen, gerade jetzt nicht nur nach POLIZEI! und STAAT! zu rufen, sondern uns an die eigene Nase zu fassen und sofort damit anzufangen, unser Verhalten erst sorgfältig zu beobachten, kritisch und liebevoll zu notieren, was wir feststellen und uns dann schrittweise (zum Positiven hin) zu ändern. Also gute Samen zu setzen.

Dadurch könnten diese schrecklichen (und sinnlosen) Ereignisse echte gesellschaftliche Änderungen bewirken. Die Arbeit mit den eigenen Emotionen lässt uns aktiv werden, handeln und nicht in Schockstarre, Misstrauen, Abgrenzung und Angst erstarren. Haben wir nicht anhand so vieler Krisengebiete der Welt gesehen, dass Hass immer nur Hass sät? Israel?

Liebe statt HassUnser verändertes Verhalten könnte auf einem mörderischen Acker eine Reihe wunderbarer Blumen pflanzen – damit verfehlen die Attentäter nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig ihr Ziel. Statt Hass zu ernten, entsteht eine neue Ethik, eine Generation von Menschen, die sehr sorgsam mit ihren eigenen Emotionen umgehen und dadurch einen Gesellschaft von Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit generieren. Eine Gesellschaft, in der kein Hass mehr zu entstehen braucht.

 

„Meinen Hass bekommt ihr nicht“ sagte der Ehemann, dessen Frau in Paris bei einem Konzert getötet wurde. Vor ihm verneige ich mich zutiefst. Es ist eine bittere Lektion, die wir alle derzeit zu lernen haben. Und ich bin sehr traurig darum.

Damit das alles endlich aufhört, muss jeder selbst die Veränderung sein, die er sich in der Welt wünscht.

Vielen Dank.

Autorin Isabel Lenuck

Foto: Malte Klauck

Isabel Lenuck  arbeitet im Museum für Völkerkunde und als Autorin.

Mehr über sie hier: http://isabel-lenuck.de/blog/

2 Gedanken zu „Gerade jetzt!

  1. Cornelia Thorjussen sagt:

    Wieviele Millionen Menschen in Deutschland oder Milliarden Menschen weltweit dürften dann unter
    einem „instabillen Geisteszustand“ leiden, die nicht kontinuierlich freundlich, zuvorkommend und
    hilfsbereit sind? Eine sehr individuelle und von ebenso individueller Wahrnehmung geprägte Dar-
    stellung.

    • Isabel Lenuck sagt:

      Liebe Cornelia,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Natürlich hast Du vollkommen recht, der Beitrag ist von einer sehr individuellen Wahrnehmung geprägt und dargestellt. Es ging mir auch gar nicht so sehr darum, dass alle Menschen einfach nur „freundlich“ sein sollen. Was ich meinte ist Folgendes: Durch die „instabilen“ Geisteszustände bzw. dadurch, dass man seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, entsteht so viel Leid. Aus – unser aller- Habgier nach immer mehr, schneller, billiger wird z.B. die Umwelt zerstört und Menschen arbeiten unter furchtbaren Bedingungen (z.B. in der Textilindustrie). Oder dadurch, dass einige Menschen ihre sexuelle Begierde nicht unter Kontrolle haben, werden jedes Jahr unfassbar viele Menschen entführt, versklavt oder gar umgebracht. Die individuelle Entscheidung, wie weit ich meinen „Leidenschaften“ nachgehe, hat immer auch kollektive Folgen. Deswegen versuche ich mich zu jeder Gelegenheit immer wieder daran zu erinnern, dass jede meiner Handlungen Konsequenzen nach sich zieht. Positive wie negative. Und anlässlich der derzeitigen Schreckensmeldungen habe ich eben überlegt, inwiefern die eigenen negativen Emotionen von Wut, Hass usw. denen der Attentäter gleichen und ob es nicht klug wäre, sich selbst aufmerksam zu beobachten,kritisch zu hinterfragen und rechtzeitige Gegenmittel zu aktivieren…

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