Kraft der Rituale

Rituale Kostbar-Zeit

Foto: Malte Klauck

Über die Kraft der Rituale

In allen menschlichen Kulturen spielen Rituale eine wichtige Rolle. Es gibt große, laute und mächtige Rituale, mit einer Vielzahl von Vorbereitungen und einer noch größeren Anzahl von Teilnehmern.Und es gibt die kleinen, leisen und nicht weniger machtvollen Rituale, an den nur wenige oder gar eine einzige Person teilnimmt.

Rituale können nach vorgegebenem Muster ablaufen und religiöse oder spirituelle Inhalte haben, sie können aber auch von Einzelpersonen erschaffene individuelle Handlungen sein. Beiden ist ihr hoher Symbolgehalt gemeinsam.

Im Leben mit Kindern sind Rituale besonders bedeutsam. Sie bieten nicht nur den heranwachsenden Kindern Halt und Orientierung, sondern ermöglichen es auch den Eltern, Lebensabschnitte begreifbar zu machen und den vielfältigen Gefühlen Raum zu geben, die mit den unvermeidlichen Veränderungen einhergehen. Geburt, Taufe, Einschulung, ein paar Geburtstage, Teenager und schon ausgezogen. Aber auch ohne Kinder, Religion oder sonstigem Tüdelüt….

…..sind es die kleinen, feinen Gewohnheiten (nennen wir sie doch nicht immer gleich so aufgeblasen „Rituale“), die unser Leben bereichern. Wer kennt sie nicht, die kleinen, heiligen Momente, nur für dich, nur für uns, nur für mich?

  • Die Tasse Tee am Morgen?
  • Ganz in Ruhe eine Viertelstunde Duschen?
  • Das gemeinsame Feierabendbier?
  • Am Bettrand eine Geschichte vorlesen?
  • Mit Freunden zum Fußball zu gehen?
  • Auf der Fahrt zur Arbeit einen Milchkaffee schlürfen?
  • Gemeinsam Tatort gucken?
  • Den Hochzeitstag im Hotel auf Föhr feiern?
  • Der abendliche Spaziergang mit dem Hund im Wald?

Ritual Hund Kostbar-Zeit

Diese zum Teil sehr persönlichen Rituale geben uns Halt, Rhythmus, Sicherheit und sind eine ausgezeichnete Möglichkeit, Gefühle und Stimmungen auszudrücken. Wir können „durch die Blume“ unserem Partner sagen, wie sehr wir ihn lieben. Wir können uns Zeit nehmen, unserem Körper zu pflegen und gesund zu erhalten „Ich gehe zum Sport“. Wir können jemanden „hochleben“, ihn verwöhnen und über die Stränge schlagen lassen „Am Geburtstag darfst Du tun, was Du möchtest!“ Wir können trauern und gedenken „Kriegsende 8.Mai 1945“. Wir können uns spirituell fortbilden, indem wir uns mit Gedanken beschäftigen, die über das Alltägliche hinausgehen.

Meiner Ansicht nach beziehen wir die größte Kraft aus diesen rituellen Handlungen, wenn wir uns wirklich auf sie einlassen, also die berühmte Achtsamkeit üben.

Wir verlieren viel so Energie durch unserer Zerstreutheit. Wir sind permanent der Versuchung ausgesetzt, uns ablenken zu lassen. Wir sind überall gleichzeitig und gleichzeitig nirgendwo. Das frustriert. Dabei verpassen wir doch in Wahrheit gar nichts, wenn wir mal eine Stunde offline gehen! Es wird doch eh alles gespeichert 😉 Wir versäumen nichts – außer den JETZTigen Augenblick.

Ich stelle es oft an mir selber fest: Wenn ich mich bewusst auf eine Handlung einlasse, entfaltet diese eine viel größere Intensität, als wenn ich nur halb dabei bin. Vielleicht erscheinen uns deswegen unsere Kindheitserlebnisse so machtvoll, eindrücklich und glücklich? Weil wir sie vollkommen bewusst erlebten und sie dadurch eine sehr viel tiefere Wirkung auf unsere Bewusstsein entfalten konnten?

Tätigkeiten, bei denen wir präsent, also wirklich da sind, verankern sich tief in unserer Wahrnehmung. Daraus resultiert ihre Kraft.

Binsenweisheit? Sicher! Ich habe auch nie etwas anderes behauptet.

Aber probieren Sie es selbst aus. „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich schlafe, dann schlafe ich“. Dieser Zen-Ausspruch bringt eine schwierige Übung in einfachen Worten auf den Punkt: Die tausend Gedanken und Ideen, die gleichzeitig im Kopf herumhüpfen unter Kontrolle zu bringen (oder eher gesagt loszulassen) und sich auf das einzulassen, was JETZT gerade ist.

Mittagschlaf Büro Kostbar-ZeitUnd das bezieht sich nicht nur auf die Freizeit, liebe Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, sondern auch auf die Arbeit!

Mache es richtig, konzentriere dich. Danach entspanne dich wieder! Ich gebe dir dafür den Raum, den Du brauchst.

Ich bin ja ein großer Fan von Power-Napping, also kurzen Schläfchen. Wenn ich ein Unternehmen hätte, würde ich als erstes Ruheräume einrichten!

 

Übe Achtsamkeit! Steht mein Liebster mit einem Strauß Blumen vor der Tür und ich nehme sie so beiläufig entgegen, wie ich alle anderen Dinge „nebenbei“ erledige, versickert dieser kostbare Moment. Die Intention (I LOVE YOU!) ist nicht angekommen und das Gefühl steht verlegen im Flur herum. Und schlimmstenfalls ist das I LOVE YOU-Gefühl nächstes Mal schon ein kleines bisschen schüchterner und verletzter.

Was also stattdessen tun? JA! sagen zu der Person, die gerade vor Ihnen steht. Wir feiern unseren Hochzeitstag? JA, dann lass uns das tatsächlich tun, nur wir zwei, keine Kinder, keine Handys.

Foto: thieso2 & meyolaMan lebt ja mittlerweile fast schon intimer mit seinem Telefon zusammen, als mit seinem Partner. Jedenfalls fässt man es deutlich häufiger an J Handy und Affenbande bleiben also draußen und nur wir zwei drinnen. Das wird sich vermutlich erst einmal etwas fremd anfühlen.

Aber was fremd ist, ist auch aufregend 😉

Rituale und Gewohnheiten können dabei helfen, dieser Affenbande von Gedanken, Befürchtungen, Hoffnungen mal einen Augenblick lang die Tür vor der Nase zuzuschlagen und sie auf ihren Platz zurückzuweisen. „Kleinen Moment bitte, Ihr seid jetzt nicht dran.“ Und diese Momente der Ruhe sind äußerst kostbar.

Gerade als beschäftigter Großstadtmensch mit tausend Verpflichtungen und noch mehr Wünschen können täglich ausgeführte Rituale eine bedeutsame Kraft entfalten.

Ich zum Beispiel bringe jeden Morgen meine Jüngste in die Kita. Dabei durchqueren wir glücklicherweise einen Park. Deswegen ist der Weg zwar deutlich länger, aber auch deutlich angenehmer. Meistens denke ich auf dem Hinweg über Wandel und Vergänglichkeit nach. „Jetzt schiebe ich noch einen Kinderwagen. Schon bald aber werden wir Fahrrad fahren. Das Leben wandelt sich stetig. Ich freue mich, dass wir diesen Moment JETZT zusammen erleben können (und verzeihe Dir die Brüllerei der letzten schlaflosen Nacht!).

Rituale Kinder Kostbar-ZeitUnser kleines, privates Ritual ist es, an drei Punkten des Weges stehenzubleiben. Egal, wie spät wir dran sind. Erster Stopp: „Drücken-lassen“ an der Ampel. Zweiter Stopp: Den mächtigsten „Baum-des Parks-betrachten“. Dritter Stopp: Kurz vor der KITA die „Mauer-streicheln“, an der wir vorbeikommen.

Durch diese (relativ belanglosen) Ritual-Stationen ist der Weg zur KITA unser Weg geworden. Er ist keine Hetzerei, kein Smombie-Parcour, kein Ersatz-Frühstück, sondern unser gemeinsamer Weg, an den ich in zehn Jahren wahrscheinlich voller Sehnsucht zurückdenke. (JETZT ist die „gute alte Zeit“ von Übermorgen).

 

Nachdem ich das Kind verabschiedet habe, checke ich vor der KITA Tür (als guter alter Smombie) kurz meine Mails und gehe dann denselben Weg zurück. Diesmal aber als Ich alleine. Ich nutze den Rückweg, indem ich mich „spirituell fortbilde“. Zum Beispiel indem ich einen Satz oder einen Gedanken konsequent durchdenke oder auch Wunschgebete rezitiere. Ich denke zum Beispiel: „Mögen alle Wesen Glück erfahren und die Ursachen von Glück. Mögen alle Wesen frei werden von Leid und den Ursachen von Leid.“ Und jeder Person, der ich begegne, schicke ich heimlich diese Glück-Wünsche zu.

Natürlich kann jeder in seiner „spirituellen Fortbildung“ denken, was er mag. Für mich ist es nur wichtig, dass ich nicht das übliche Blä-Blä denke, was ich sowieso den ganzen Tag über tue. Ich muss Waschmittel kaufen. Die Rechnung ist noch nicht bezahlt. Was schenke ich Tante Gerda zum Geburtstag? Scheiße, heute Abend ist Elternabend. Ach, das Klo müsste mal wieder geputzt werden. Hoffentlich kommt bald ein neuer Auftrag rein usw. usf.

Diese Gedanken beschäftigen sich mit den Alltäglichkeiten unseres Daseins. Auch wichtig, aber nicht ausschließlich. In der spirituellen Fortbildung jedoch möchte ich mich mit tiefgründigeren Themen befassen. Diese Gedanken müssen nicht unbedingt etwas mit weit entfernten Wesenheiten zu tun haben, sie können sich auch auf unsere unmittelbare Umwelt beziehen. Sich bewusst zu machen, wie wunderbar der Partner doch in Wirklichkeit ist. Oder Dankbarkeit darüber zu empfinden, auf welch herrlichem Planeten wir eigentlich leben.

Ritual Lesen Kostbar-ZeitAuch auf dem Rückweg bleibe ich an bestimmten Stationen stehen. Statt „Ampel-drücken“ und „Mauer-streicheln“, schaue ich in ein bestimmtes Fenster, in dem jeden Morgen zur selben Zeit eine Frau sitzt und liest. Vielleicht ist das ihr Ritual? Sie kennt mich nicht, sie sieht mich nicht, aber das ist auch unwichtig.

Ich sehe sie und freue mich darüber, dass sie da ist. Sie ist Teil meines Morgenrituals. Im Park bleibe ich an einer ganz bestimmten Stelle stehen und betrachte das Licht der Bäume. Jeden Tag ist es anders. Jeden Tag ist es neu.

Wenn ich dann zuhause oder bei der Arbeit angekommen bin, fühle ich mich entspannt und zufrieden. Ich habe den Eindruck, etwas „für mich“ getan zu haben. Jetzt tue ich voller Elan etwas für die anderen. Vielleicht resultiert diese Zufriedenheit aus der ganz speziellen Kraft, die aus Ritualen entspringt.

Isabel Foto Malte Klauck

Foto: Malte Klauck

Isabel Lenuck ist Autorin und Tibetologin. Sie arbeitet unter anderem am Völkerkundemuseum in Hamburg.

http://isabel-lenuck.de/blog/

 

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