Leben im Hier und Jetzt

Dieter Herrmann - sein 9. TodestagEs geht um das Leben im Hier und Jetzt, um diese Momente, wo einen etwas mit Gewalt in die Vergangenheit zieht und die Trauer einen kurz überwältigt. Diese Momente werden seltener, je bewusster ich lebe und je mehr ich im „Hier und Jetzt“ bleibe.

Am Vatertag vor 9 Jahren (bzw. dem 17. Mai 2007) starb Dieter Herrmann. Nur wenige hier werden ihn noch kennen.

Für die meisten war er wohl nur „der Ex-Lebensgefährte von Silke“, der so früh und tragisch starb. Getrennt seit Monaten, und doch: Möbel, Schlüssel, gemeinsame Freunde und überhaupt – eine Freundschaft und eine tiefe Verbundenheit war noch da. Ich lebe nicht in der Vergangenheit, aber „in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit„, um es mit Rilke zu sagen.

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

Aus dem Nachlass des Grafen C. W. (Nachlass)

Wunderschön die für Schönherz und Fleer gesprochene, musikalische Version des Gedichtes von Laith Al Deen!

Menschen, die mir einmal wichtig waren, trage ich immer in meinem Herzen, ich kann das nicht abschalten, so lange sie es sich mit mir nicht gänzlich verderben. Ich werde noch in 100 Jahren an sie denken, aber es belastet mich nicht mehr, weil ich meine Beziehungen auf meine Weise geklärt habe. Dazu gerne ein anderes Mal mehr.

Kennt ihr „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry?

Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.[…]Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen. Aber du darfst sie nicht vergessen.

Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.

Du bist für deine Rose verantwortlich…

Isabel Lenuck hat vor längerer Zeit in ihrer sehr stimmungsvollen und tiefgründigen Art über Verlust und Tod geschrieben. In „Sterben tun immer nur die anderen“ setzt sie sich damit auseinander, was sie selbst erleben musste. Heute widme ich mich diesem schweren Thema, und natürlich ist es ist traurig, aber ich verspreche euch ein Happy End!

221899_6467343145_535488145_330763_8802_nSchreiben befreit, nur hatte ich damals noch kein eigenes Blog – so habe ich mich damals den wenigen Freunden anvertraut, die dies ausgehalten haben. Dieter starb beim Fallschirmspringen, Herzinfarkt bei der Landung, in Hohenlockstedt am Hungrigen Wolf.

Dieters Mutter Lisa und ich sind noch über Jahre gemeinsam zum Hungrigen Wolf gefahren und haben dort das Leben mit den Fallschirmspringern gefeiert. Wir haben gemeinsam über Dieter geredet, über lustige Erlebnisse gelacht und die Zeit in der Sonne und in der Gemeinschaft verbracht. Fallschirmspringer leben dieses „Hier und Jetzt“, von dem so viele Menschen reden. Egal ob sie ihn persönlich kannten, von ihm gehört haben, oder nur ihre Zuneigung spürten gegenüber zwei Menschen, die jährlich diesen Ort besuchten, mit Kaffee und Kuchen und voll der Liebe für das Leben. Sie waren da. sie waren echt und sie haben uns angenommen. Das war schön. (Danke noch mal an die lieben Menschen von Yuu-skydive!)

Das Grab eines jungen MannesDies war meine wohl wichtigste Erkenntnis und Lernaufgabe: wenn junge Menschen sterben, dann ist es schwierig für die Hinterbliebenen, jemanden zu finden, mit dem sie über ihren Verlust sprechen können. Es geht nicht um das Sterben, es geht um das Leben danach. Für Freunde, Familie, Angehörige. Wenn einem überhaupt jemand zuhört, dann hört man die seltsamsten Geschichten über verstorbene Nachbarn, Hamster und Klassenlehrer. Über Tod und Sterben zu reden ist ein Tabu in Deutschland, und vor allem wenn es junge Menschen trifft, verlangt die Gesellschaft, dass man über sein Leid, den Verlust schweigt. Niemand erwartet von einem das Schwarz, aber man möge, bitte bitte, niemanden mit dem Unerklärlichen konfrontieren, mit der eigenen Endlichkeit.

Ich habe in meiner Trauer nach helfenden Händen gesucht, und ich habe sie gefunden. Es waren die Menschen, von denen ich vorher nicht wissen konnte, dass sie für mich da sein würden.

Isabel gab mir damals nicht nur Kraft und hörte mir unerlässlich zu, sie gab mir konkrete Dinge an die Hand, die mir halfen, weiterzuatmen. Du hast mir geholfen, die Rituale zu finden, die mir Mut gegeben haben. Sven Hildebrandt war für Lisa und mich da, um ein weiteres Beispiel zu nennen. (Danke, dein jahrelanges, feinfühliges Gedenken und selbstloses Mitfühlen war uns eine Wohltat.) Melli, die mich das Trauerband für den von ihr mit Liebe gefertigten Kranz mit eigener Hand beschreiben ließ. Lisa… du Unglaubliche! Du, die immer die Stärke für alle anderen mit aufbrachte und bereits bei der Beerdigung zu einer Grillparty zu Dieters Gedenken eingeladen hast. Er hätte es nicht anders gewollt:

Feiert das Leben! Nicht den Tod.

Es sind die Menschen, die um uns sind. In schweren Zeiten erkennt man manchmal, dass es andere Hände sind, die nach uns greifen, uns aufhelfen und stärken. Nicht immer sind es unsere Liebsten, die uns beistehen können – und oft entdecken wir hier ihr Grenzen. Ob es Gleichgültigkeit ist oder Unvermögen, ist eine wichtige Frage, die sich in einer Krise aber nicht klären lässt. Die unerwartete Geste der Freundlichkeit der „Fremden“ sollten wir zulassen. Neue Beziehungen entwickeln sich, vielleicht auch nur zeitweise, aber lindern sie unseren Schmerz, sind sie ein Geschenk für unsere Seele.

Dieters Lebensmotto war stets das meines Vaters: „Kurz gelebt, gut gelebt.“ Wenn ich heute auf Facebook die ganzen Beiträge sehe über verstorbene Künstler, muss ich oft daran denken, dass wir zu wenig im Hier und Jetzt leben, dass wir unsere Zeit vergeuden. Fühlen wir die Trauer wirklich, oder klicken wir nur, um unser eigenes Image zu unterstützen? Interpretieren wir Gefühle in jemand eigentlich Fremden, um den Schmerz in der eigenen Seele nicht zu fühlen? Oder gar im Gegenteil, um ihn endlich zu verarbeiten?

Versteht mich nicht falsch, natürlich kann einen auch die Trauer um einen Prominenten erschüttern und zutiefst betrüben.  Zugleich müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir unsere knapp bemessene Lebenszeit sinnvoll nutzen. Trauern wir um die Toten oder feiern wir das Leben? Denn jeder künftige Tote lebt heute… und jeder Mensch, der zu früh von uns geht, verdient, dass man sich der schönen Erlebnisse gedenkt, dass man sein Leben wertschätzt.

In diesem Sinne möchte ich diesen Beitrag enden lassen mit dem Text einer anonymen VerfasserIn, den mir Lisa im Mai 2007 voller Zuversicht gab. Mich hat er damals jedenfalls sehr getröstet.

Wir sind füreinander, was wir immer waren.

Sprecht von mir ebenso unbeschwert, wie sonst auch. Ändert Euren Ton nicht. Lacht, wie wir immer über die kleinen Späße gelacht haben, über die wir uns gemeinsam gefreut haben.

Denkt an mich, betet für mich. Lasst euch meinen Namen stets so vertraut sein, wie er euch früher war. Er soll leichthin ausgesprochen werden, ohne die kleinste Spur eines Schattens darauf. Warum sollte ich Euch aus dem Gedächtnis schwinden, weil ich euch nicht mehr sichtbar bin?

Ich warte nur auf euch, irgendwo ganz in der Nähe, gleich um die Ecke, für eine kleine Weile.

[Verfasser unbekannt]

Danke für euer Interesse.

2 Gedanken zu „Leben im Hier und Jetzt

  1. Britta Augustin sagt:

    Liebe Silke,
    Der Tod meines Sohnes ist für mich immer noch so unwirklich …unmöglich.. Er ist im September letzten Jahres von uns allen gegangen. Völlig überraschend mit nur 38 Jahren. Es ist so ungerecht und schmerzhaft, ich hätte gern mein Leben gegen seines gegeben, aber…Gott pokert eben nicht.

    Ich versuche Trost zu finden, in Träumen die nicht kommen, irgendwelche Zeichen..und zuletzt auch in Lebensweisheiten, bisher vergeblich…
    Ich habe jetzt oft den Gedanken, ach wäre ich doch öfter mal hingefahren oder öfter mit ihm telefoniert. Man macht es nicht….man hat ja viel Zeit..so denkt man.

    Jetzt wird in der Familie viel über ihn gesprochen und Geschichten erzählt. Dann kann ich meine Tränen nicht zurückhalten, meine Gedanken schweifen ab zu den Dingen die er nun nicht mehr erleben kann. Alles in mir zieht sich zusammen und ich brauche Zeit für mich allein, um wieder ins Hier und Jetzt zu kommen
    Ich denke, ich brauche noch viel Zeit um mit seinem Tod zurecht zu kommen

    Trotz all dem glaube ich, ich glaube daran ihn eines Tages wieder zu sehen…Ich hoffe und glaube.
    Irgendwann kommt die Erlösung. Daran halte ich mich fest. Bis es soweit ist warte ich und versuche wieder heil zu werden. Wieder zu lachen, nicht nur so, sondern aus vollem Herzen. Zur Ruhe zu kommen, und mich meines Lebens zu freuen.

    Ich arbeite dran….und meine Hunde helfen mir dabei…

    Ich habe Dich sehr lieb gewonnen und umarme Dich an diesem Tag ganz besonders doll.

    Britta

    • silkeschippmann sagt:

      Liebe Britta,
      mein aufrichtiges Beileid. Es tut mir so Leid, was du erleben musst. Der Tod des eigenen Kindes ist sicher das Schlimmste, was man erleben kann. Und ich kann mir gut vorstellen, wie die Hunde dein Leid lindern… sie sind immer da und zwingen einen in die Gegenwart. Du wirst gebraucht und geliebt und du hast auch noch so viel Liebe zu geben.
      Danke, dass es dich gibt. Dir viel Kraft und Liebe und auf bald! :-*
      Silke

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