Still werden in einer lärmenden Zeit

Stille ist zu einem kostbaren Moment, einer kostbar-Zeit geworden.

313581_10151346180223146_1702359879_nVor Stille haben viele Angst.  Was geschieht mit einem, wenn das Lärmen und die Geschäftigkeit aufhören? Wenn wir plötzlich alleine mit uns selbst sind? Wenn wir den unendlich vielen Eindrücken, die auf uns einprasseln, die Tür vor der Nase zuschlagen? Plötzlich stehen wir alleine mit uns selbst da…

… und fühlen uns seltsam unbeholfen. Was mache ich nur jetzt? Glotze an?

Gedanken bahnen sich nach wie vor ihren Weg durch unser Bewusstsein – und selbst wenn die äußere Ablenkung geringer wird, lärmt und rumort es im Inneren meist noch eine ganze Weile. Wir können unsere Gedanken nicht abschalten, denn das diskursive Denken ist ein mächtiger Bestandteil unserer Geistesstruktur. Aber wir können uns selbst wohltuende Pausen verordnen. Und feststellen, dass uns das schnellere und immer schnellere Denken in Wirklichkeit sehr anstrengt und uns von dem wegführt, was gut für uns ist.

Als ich noch sehr jung war, konnte es mir nicht schnell genug gehen. Schnelle Autos, laute Musik, wilde Partys und viele, viele durchgemachte Nächte. Wie in einem herrlich rauschhaften Traum konnte ich einfach nicht genug bekommen. Stille war nichts, dass ich vermisste. Heute denke ich ein bisschen anders, meine Prioritäten haben sich verschoben. Das Leben zum Beispiel erscheint mir nicht mehr so selbstverständlich und stabil wie damals. Es ist zerbrechlicher geworden – genauso wie ich.

Ich bin nicht mehr dieselbe Person, wie noch vor 15 Jahren. Ich bin nicht mehr der erste und der letzte Gast auf einer Party. Manchmal finde ich das ein bisschen Schade. Aber Party-non-stop und Stille passen nicht so gut zusammen.

Vielleicht ist Stille an bestimmte Zeiten gebunden? Vielleicht benötigt sie einen gewissen Rahmen?

Betrachten wir nur einmal kleine Kinder. Wie versunken sie spielen, ohne plärrendes Radio und Smartphone auskommen, wie hingebungsvoll sie ihre Umwelt betrachten, wie zufrieden sie mit „nichts“ sind.

Ich denke manchmal, dass die Furcht vor (der Tiefe) der Stille erst im Laufe der Kindheit erlernt und –mit viel Pech –nie wieder abgelegt wird.

Und wo stehe ich heute? Wie sehr hat sich mein Alltag mit lärmenden Belanglosigkeiten angefüllt. Ständig klingelt und vibriert etwas. Andauernd muss etwas erledigt werden. Wie oft rufe ich seufzend aus: „Hat man denn nie seine Ruhe!?“

Lärm ist zu einer ernst zunehmenden Belastung geworden. Der aus unterschiedlichen Lebensrhythmen resultierende Lärm ist unter Nachbarn häufigster Streitpunkt. Man empfindet den anderen als rücksichtslos, weil er wach ist, wenn wir ruhen wollen, fernsieht, wenn wir abschalten, arbeitet, wenn wir Feierabend haben.

Die Reglementierung von Lärm- und Ruhephasen durch die häufig belächelte „Hausordnung“ halte ich angesichts der Vielzahl von Menschen, die auf sehr engem Raum zusammenleben müssen, für sehr sinnvoll. Allerdings kann auch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Hausordnungen funktionieren deswegen – wie jegliche Form eines Versuchs von sozialer Ordnung – immer nur mit einer großen Portion Toleranz.

Dass mich das sonntägliche Staubsaugen meiner Nachbarn morgens um halb acht nicht stört, liegt zum einen an meiner inneren Ruhe, die ich durch regelmäßige Einkehr in die Stille gewinne. Zum zweiten habe ich großes Verständnis für die Bedürfnisse meines Nachbarn. Und ich weiß sehr wohl, dass auch wir viel Lärm machen. Beabsichtigt, wie unbeabsichtigt. Manche Geräusche lassen sich nicht vermeiden. Natürlich kann ich nichts dafür, dass mein Baby um drei Uhr morgens brüllt. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass das Geschrei meinen Nachbarn manchmal ebenso nervt, wie mich, da es ihn ebenfalls um seinem wohlverdienten Schlaf bringt. Es wäre deswegen sehr unklug, mich bei ihm zu beschweren, nur weil bei uns Sonntagmorgens mal ausnahmsweise Ruhe herrscht 🙂

Dass wir uns dennoch alle nach Stille sehnen, ist nur zu verständlich. Stille ist deswegen so kostbar, weil es uns hilft, die Überflut von Informationen setzen zu lassen, unsere Gedanken zu ordnen, zu verarbeiten und inne zuhalten. Wir brauchen Stille, um uns zu erholen – permanenter Lärm, freiwillig oder unfreiwillig belastet uns und schädigt unsere Gesundheit.

Stille, Ruhe uns Schlaf sind wichtige Momente der Regeneration, die der sinneshungrige moderne Großstadtmensch vielleicht nicht gerne haben möchte, aber dringend braucht.

büroAber da wir solche Angst haben, etwas zu verpassen, bombardieren wir uns von früh bis spät mit Sinneseindrücken und quälen uns ununterbrochen mit „was-wäre-wenn“ Fragen. Nie ist es genug. Es gibt so viele Möglichkeiten. Das Gras ist woanders immer grüner, höher, schneller, weiter.

Dabei bedeutet Reizreduzierung und Innehalten (bzw. bei einer Sache / oder einem Menschen zu bleiben) keineswegs Verzicht. Im Gegenteil.

 

Die Reise in die Stille, die Begegnung mit einem Selbst, sind prägende Erlebnisse und äußerst wichtig für die seelische Entwicklung und die geistige Reife.

Wenn wir nicht wissen, wer wir sind, woher wollen wir dann wissen, was gut für uns ist? Und wenn wir nicht einmal wissen, was gut für uns ist, wie können wir dann wissen, was gut für andere ist? Können wir dann wirklich gute Entscheidungen zum Wohle der anderen treffen?

Stille kann man Lernen. Und da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, helfen ihm Rituale bei der Einübung neuer Gewohnheitsmuster. Wenn wir (unbegründete) Angst vor der Stille haben, können wir uns durch kleine Rituale selbst austricksen. Erst einmal ein kleines bisschen Stille einüben. Bei einer Tasse Tee zum Beispiel. Oder beim Spazierengehen ohne Smartphone. Oder indem wir einfach auf einer Parkbank sitzen und ruhig dem Atmen folgen.

Wenn wir die erste Scheu verloren haben, können wir die nächsten Schritte gehen…

To be continued…

 

2 Gedanken zu „Still werden in einer lärmenden Zeit

  1. silkeschippmann sagt:

    Danke, Isabel,
    für deinen Beitrag über die Suche nach der Stille. Seit etwa einem Jahr geht es mir ebenso. Früher konnte ich nicht höher, schneller, weiter. Ich hätte am liebsten im Hauptbahnhof oder auf dem Kiez gewohnt, um nichts zu verpassen. Auch online bin ich (fast) jedem Trend nachgelaufen.

    Es war richtig zu seiner Zeit, aber es ist anders geworden in den letzten Jahren. Ich genieße andere Dinge und muss mein Leben darauf einrichten, damit alles rund bleibt. Auch gegen Widerstände und nicht alle Menschen finden meine Weiter-Entwicklung toll. Aber es geht mir gut und ich ruhe in mir und fühle mich geerdet – will mehr davon. Die innere Ruhe tut mir gut und ich ziehe Kraft aus einer gewissen Stille. Diese Stille ist aber keine „Klosterstille“ und tagelang alleine sein mag ich auch nicht so gerne.

    Meine Stille setzt sich aus vielen Themen zusammen: aus Ruhe, Klarheit, Farben, Luft und Raum, viel Natur, aus Energie- und Kraft-Quellen, die ich jederzeit anzapfen kann, aus Erfahrungen und aus der Sicherheit, großartige Freunde zu haben; dem Informationsmanagement (einige wissen, dass ich das in Kombi mit Psychologie studiert habe), meinen 16 Jahre psychiatrischen Erfahrung und die letzten Jahre, die ich mit dem Thema „Energie“ verbracht habe. Meine Hunde holen mich immer wieder zurück ins Hier und Jetzt – alles andere ist für die Tiere völlig wumpe.

    Wir alle machen uns viele zu viele Gedanken darüber, ob die Akkus unserer Devices leer sind, und kümmern uns viel zu wenig darum, wie es um die Energie in unserem tiefsten Inneren aussieht.

    Dort sind viel zu viele Menschen leer, einsam und traurig. Einige wenige finden dafür den Namen einer Krankheit und nehmen eine Medizin. Damit kaschieren sie aber nur die Symptome und lindern nicht den Schmerz.

    Wir wollen hier eine Alternative bieten, Anregungen für ein besseres Leben. Darüber werden wir in Kürze einiges berichten und wir freuen uns auf den lebhaften Austausch mit euch – hier und auf https://www.facebook.com/deine.kostbar.zeit/

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