Teile, teile Segen

Teilen kostbar-ZeitTeile, teile Segen oder: Teilen ist das neue Haben

Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Immer weniger Menschen sind im Besitz von immer mehr – ja fast allem.

Skrupellose Unternehmen graben uns aus Profitgier das letzte Wasser ab oder horten und verändern Saatgut, um uns noch stärker von ihnen abhängig zu machen.

Wohin soll das alles führen? Weiß ich auch nicht. Vermutlich direkt in den Untergang. Aber während die einen für den schnöden Mammon ihre Seele verkaufen würden und vor keinem, noch so verwerflichen Geschäft zurückschrecken, pflegen (immer mehr) andere eine uralte, zutiefst soziale und sehr direkte Form der Ökonomie: Den Gaben bzw. Warentausch.*

Mit Verzückung habe ich gerade „Verschenkeplattformen“ entdeckt, in die man –wie zu Weihnachten- einfach seine Wünsche aufschreibt. Mit Glück bekommt man schnell, unkompliziert, freundlich und ganz umsonst, was man gerade braucht: Fahrradhelme, Hockeyschläger, Waschmaschinen, Handrührgeräte, Campingtoiletten usw. usf.

Und genau wie zu Weihnachten kann man auch etwas verschenken. Spiegel, Kinderkleidung, Geschirr, Bilderrahmen, Regale usw. usf. Etwas, was man gerade übrig hat oder nicht mehr braucht. Und das holt dann jemand anderes schnell, unkompliziert, freundlich und ganz umsonst ab.

Teilen kostbar-ZeitTauschen von Gegenständen ist eine seit Urzeit und in vielen menschlichen Kulturen ausgeübte Handlung. Sie führt in den meisten Fällen zu einer win-win-Situation und erfüllt nebenbei wichtige soziale Funktionen. Beim direkten Tausch kommt man genau in den Besitz der Dinge, die einem gerade fehlen. Ich habe Salz übrig, Du hast Milch übrig. Komm, wir tauschen einfach.

Ob man etwas aus Armut braucht oder dem Wunsch nach Nachhaltigkeit: Ob man etwas aus Überfluss gibt oder dem Wunsch, Gutes zu tun. Verschenken und Teilen sind höchst soziale Tätigkeiten. Sie sorgen auf einer sehr persönlichen und direkten Ebene für tiefe Befriedigung. Durch das Geben erlebt man sich selbst als Großherzig und durch das Nehmen lernt man, ja es hört sich wirklich bescheuert an: Das Loslassen. Bevor Ihr jetzt abschaltet: Das meine ich wirklich ernst. Als ich das erste Mal von Free Your Stuff hörte war ich sehr kritisch. Wenn ich mich da jetzt mit meinem richtigen Namen, meiner wahren Identität anmelde, wie sieht denn das aus? Als ob ich arm wie eine Kirchenmaus wäre und mir keine Fahrradhelme, Hockeyschläger, Waschmaschinen, Handrührgeräte und Campingtoiletten leisten kann?

Ja, vielleicht sieht das so aus. Vielleicht kann ich mir das aber auch alles leisten. Vielleicht bin ich so reich, dass ich mir eine Million Fahrradhelme, Hockeyschläger, Waschmaschinen, Handrührgeräte und Campingtoiletten kaufen könnte. Aber vielleicht möchte ich das nicht…Vielleicht finde ich es ganz schrecklich, Teil der Ex-und-Hopp-Gesellschaft zu sein, die noch vollkommen intakte Gegenstände wegwirft, anstatt sie weiter zu benutzen? Die damit den Planeten Erde zumüllt. Vielleicht möchte ich meine Millionen aber auch für andere Dinge ausgeben? Andere Projekte unterstützen? Hier hilft: Loslassen. Wer weiß, was die anderen denken? Wer weiß, ob die anderen überhaupt etwas in die Richtung denken? Loslassen 🙂

Genauso ist es mit dem Geben. Wenn ich bei Free Your Stuff mit meinem richtigen Namen, meiner wahren Identität Dinge zu verschenken einstelle, wie sieht denn das aus? Ist mein alter Schaukelstuhl nicht zu schäbig, um ihn wegzugeben? Was ist, wenn Tante Getrud sieht, dass ich ihre verhassten Vasen einstelle? Auch hier heißt es: Loslassen.

Teilen kostbar-ZeitNatürlich sieht man anhand der eingestellten Objekte etwas von deinem persönlichen Leben. So what? Zeigen wir uns nicht andauernd in irgendeiner Form? Und wie meine Schwester immer sagt: Alle Geschmäcker sind in der Natur. Vielleicht liebt jemand anderes gerade Tante Gertruds verhasste Vasen. Und vielleicht kann jemand meinen Schaukelstuhl noch eine Weile gebrauchen, ehe er tatsächlich auf dem Müll landet. Wir machen uns viel zu viele Gedanken um unser „Ansehen“, das „Prestige“, wie wir „wirken“, was „die Leute von uns denken“. Das macht den täglichen Umgang häufig so verkrampft, gestellt und künstlich. Hauptsache Schein statt Sein.

Ich finde, dass derartige Verschenkeplattformen ein großartiger Ansatz zur Lösung vieler Probleme sind. Sie sind nachhaltig, individuell und fördern das soziale Miteinander. So, wie es eigentlich sein sollte. Jeder gibt, was er kann. Man hilft sich untereinander. Man ist miteinander statt gegeneinander. Und das alles ganz freiwillig. Besonders charmant finde ich, dass sich die sozialen Netzwerke tatsächlich von ihrer sozialen Seite zeigen. Facebook ist eben nicht nur ein Pool von Schmährufen, Beleidigungen und dem Austausch von Banalitäten sondern kann auch die wunderschöne und kostbare Seite menschlichen Daseins zeigen. LIKE!

*(Genau genommen, besteht ein Unterschied zwischen Warentausch und Gabentausch. Bei letzterem stehen die sozialen Beziehungen der Gebenden im Vordergrund. Aber das führt hier zu weit).

Foto: Malte Klauck

Foto: Malte Klauck

Isabel Lenuck ist Autorin und Tibetologin. Sie arbeitet unter anderem im Völkerkundemuseum Hamburg.

http://isabel-lenuck.de/blog/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.