Verantwortung übernehmen

Verantwortung Kostbar-Zeit„Verantwortung übernehmen“ hört sich ungefähr so sexy an, wie „Steuererklärung machen“, „abwaschen“ oder „früh aufstehen“. Es kann Jugendliche dazu bringen, nie wieder mit einem zu sprechen. Es hört sich so ernst und schwer an, dass man sich schon mit Anfang 30 wie ein festgefahrener Rentner fühlen kann. Dabei kann „Verantwortung übernehmen“ auch sehr lustig sein.

Ich zum Beispiel bin gestern vom Leben wieder einmal diskret daran erinnert worden, dass ich bezüglich „Verantwortung übernehmen“ anscheinend noch eine Rechnung offen hatte. Und das kam so:

Mein Türen waren so starr vor Dreck, dass ich sie nicht länger ignorieren konnte. Seufzend kramte ich Putzeimer und Allzweckreiniger aus dem Schrank und machte mich an die Arbeit. Ärmel hochkrempeln, Lappen und Bürste ins Wasser, rauf auf den Tritt und ran an die Arbeit. Ich hoffte, dass es schnell gehen würde! Beherzt schrubbte ich von oben nach unten, von links nach rechts und zählte in Gedanken alle Türen der Wohnung, multiplizierte sie mal zwei, also Vorder- und Rückseite. Seufzen. Zusammenreißen! Schließlich hatte ich seit meinem Einzug vor zwei Jahren keine Türen mehr geputzt. Nach einigen Minuten bemerkte ich zu meinem großen Erstaunen, dass sich das Putzwasser weiß verfärbte. Und auch mein Schwamm wurde immer weißer.

Ich stieg von meinem Tritt und sah mir die Tür genauer an. Sie war mit Wandfarbe (statt Lackfarbe) übergestrichen. Diese Wandfarbe löste sich nun natürlich munter. Zuerst ärgerte ich mich natürlich wahnsinnig, innerlich schrie ich Zeter und Mordio und schmiedete wüste Pläne, was ich alles mit den Vormietern machen wollte.

Aber dieser Wutausbruch dauerte nur genausolang, bis mir siedendheiß einfiel, welche Tricks und Mauscheleien ich schon alles angewendet habe, um beim Auszug aus einer Wohnung glimpflich davonzukommen und die Kaution zurück zu erhalten. Das Tipp-Ex in der Badewanne, um die abgeplatzte Emaille zu kaschieren? Die Balkontür, vor die ich mich bei der Wohnungsübergabe mit langem Mantel hingestellt habe, damit man das geflickte Loch der Katzenklappe nicht sehen konnte? Die lieblos lackierten Heizungen? Die billigste Wandfarbe?

Beschämt und belustigt betrachtete ich meine eigenen Schandtaten. Und nun hatte ich eben mal das Gemauschel anderer Leute auszubaden. Verantwortung übernehmen! Geschieht mir doch Recht, oder nicht?

Verantwortung übernehmen kostbar-ZeitWie oft wurden wir schon nicht erwischt, wenn wir Blödsinn gemacht haben? Beim Schwarzfahren? Beim Falschparken?  Bei der Steuererklärung? Dann denken wir „Glück gehabt!“ Aber wenn es uns dann mal erwischt und wir etwas ausbaden müssen „wofür wir überhaupt nichts können“, ärgern wir uns schwarz und grün und fühlen uns ungerecht behandelt.

In meinem Lieblingsbuch* erzählt Ajahn Brahm, ein buddhistischer Mönch, dazu diese Geschichte:

Eine Zeitlang arbeitetet er als Seelsorger in einem Gefängnis. Während des Eingangsgespräches mit einem Gefangenen erzählte ihm dieser, dass er zu Unrecht einsitze, dass er eine hohe Haftstrafe für ein Verbrechen abbüße, welches er nicht begangen habe. Natürlich hörte Ajahn Brahm öfter solche Unschuldig-hinter-Gittern-Geschichten und war dementsprechend vorsichtig. Aber dieser eine Sträfling überzeugte ihn von seiner Unschuld und Ajahn Brahm glaubte ihm. In der darauffolgenden Nacht lag lange er wach und überlegte angestrengt, wie er dem zu Unrecht Verurteilten denn helfen könnte. War es nicht schließlich seine Pflicht, gegen Unrecht vorzugehen? Als er das nächste Mal ins Gefängnis kam und dem Gefangenen von seinen Gedanken und der Freilassungskampagne, die er initiieren wollte erzählte, begann der Unschuldig-hinter-Gittern-Sitzende breit zu grinsen. Er sagte:

„Ajahn Brahm! Ich habe die Wahrheit gesprochen. Dieses Verbrechen habe ich tatsächlich nicht begangen. Aber ich habe so viel anderen Mist gebaut, für den ich nicht erwischt und verurteilt wurde. Nun ist es dieses Mal zwar eine Fehlurteil, aber insgesamt doch eigentlich ganz gerecht, dass ich nun hier im Gefängnis sitze und büße, oder?“ Dieser Mann hatte offensichtlich verstanden, was es heißt, „Verantwortung zu übernehmen.“ Deswegen hegte er auch keinen Groll.

Verantwortung Kostbar-ZeitNatürlich ist es unbequem, Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen dazu beginnen, ehrlich mit uns zu sein. Uns zu beobachten. Achtsamer zu werden. Verantwortung übernehmen bedeutet, sich klar zu seinen (ethischen) Grundsätzen zu bekennen. Sich nicht mehr in der Anonymität und der Masse zu verstecken. Wie oft stehlen und betrügen wir so en passant, nebenbei und im Vorübergehen?

Nehmen Büromaterial, Kopierpapier, Essen und Getränke und Klopapier aus der Firma mit?

Schreiben während unserer Arbeitszeit unverhältnismäßig viele private Emails? Telefonieren lang und breit auf Firmenkosten? Rechnen Spesen ab, die es gar nicht gab?

„Verantwortung übernehmen“ macht Schluss damit… Es bringt uns dazu, unser ganz persönliches Verhalten kritisch zu hinterfragen und weist uns darauf hin, dass wir alleine die Konsequenzen unseres Handelns tragen werden. Ob jetzt oder später.

Manchmal liege ich abends wach und denke darüber nach, inwiefern ich mich durch mein Konsumverhalten schuldig mache. Die Bilder der aufklärenden Reportagen verfolgen mich in die Träume. Niemand will, dass seine eigenen Kinder unter so schrecklichen Bedingungen aufwachsen müssen. Nicht im Traum kämen wir auf den Gedanken, unsere liebsten Haustiere eigenhändig zu schlachten und auf den Grill zu werfen.

Verantwortung übernehmen kostbar-ZeitUnsere Kleidung trieft vor Blut? Das wollen wir nicht. Wir fühlen uns mies mit dem Wissen. Statt sich unter der Bettdecke der Anonymität zu verstecken oder diese Gedanken zu verdrängen wäre es erwachsener, nachzudenken und zu handeln. Mit Sicherheit fühlt man sich dann auch deutlich wohler.

Ganz klar: Bei manchen Kauf-Entscheidungen haben wir keine große Wahl. Aber bei vielen Dingen eben doch! Indem ich „Verantwortung übernehme“, ändere ich mein Verhalten.

 

 

Ein paar Beispiele:

  • Ich schüttele den Kopf über die Umweltverschmutzung, bestelle aber jeden Scheiß bei Amazon und produziere deswegen endlose Verpackungsberge.
  • Fleisch kann man gerne essen, wenn man möchte. Aber: Ich habe die Wahl zu entscheiden, wieviel Fleisch ich esse und vor allem, wie mein Tier leben musste, bevor es geschlachtet wurde. Deswegen kaufe ich kein Fleisch aus Massentierhaltung.
  • Warum achte ich meine Firma nicht? Wieso hasse ich meinen Job? Ist es nicht beschämend, meine Firma zu bestehlen? Das ist kein Kavaliersdelikt…
  • Wieviel Kleidung brauche ich wirklich? Muss ich wirklich jeden neuesten heißen Scheiß kaufen? Wer ist die Person, die mein Hemd zusammengenäht hat? Brauche ich tatsächlich Daunen in meiner Jacke?
  • Ich habe gerade eine Glückssträhne. Vielleicht zahle ich von einem Teil alte Schulden zurück, und belohne mich selbst nur mit einer Kleinigkeit?
  • Oder: Muss ich aus reiner Langeweile und Übersättigung tatsächlich „Spezialitäten“ wie Gänsestopfleber usw. essen? Die arme Gans wurde ihr Leben lang gequält. Ist mir das der Genuss tatsächlich wert?
  • Könnte ich nicht mal wieder all die Sachen zurückgeben, die ich mir vor langer Zeit kurz mal eben ausgeliehen habe?
  • To be continued

Dieser Beitrag soll nicht schwer wie Blei sein, er soll nicht dazu führen, dass man sich beklommen fühlt. Im Gegenteil. Dadurch, dass wir Verantwortung übernehmen, fühlen wir uns sehr viel besser. Präsenter. Gestärkter. Man hat nichts zu verbergen. Man hat ein gutes Gewissen. Eine verhältnismäßig saubere Weste. Und das, ohne große Einschnitte in unserem Lebensstandard zu machen.

Und das Beste ist: Wenn es mal schief läuft, kann man das Ganze als Retourkutsche begreifen und die Sache gelassener und mit Humor betrachten. Shit Happens.

In diesem Sinne: Putz Eure Türen 😉

*Ajahn Brahm. Die Kuh, die weinte. Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück. Lotos Verlag

Isabel Foto Malte KlauckIsabel Lenuck ist Autorin und Tibetologin.Sie arbeitet unter anderem am Völkerkundemuseum Hamburg.

http://isabel-lenuck.de/blog/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.